Der Deutsche zum Jahresbeginn, eine Denkschrift (Gesellschaft)

Der Deutsche zum Jahresbeginn, eine Denkschrift (Gesellschaft)

Deutschland ist K.O.. Nicht nur die Wirtschaft hält Winterschlaf, sondern auch der gemeine Deutsche. Denn er kann ja nichts dafür, dass er - mal wieder - zu viel zu Silvester getrunken hat. Aber was kennzeichnet eigentlich einen gemeinen Deutschen? Ist es sein typischer Nestbautrieb? Das Reihenhaus in einer Vorstadt, mit den Geranienkübeln an den Fenstern, der BMW des Vaters in der Garage, der Fiat Punto der Mutter in der Einfahrt, der Einfahrtboden mit kryptischen Mustern, die genau 1,50m hohe Gartenhecke oder gar das Vogelhäuschen mit dem Meisenknödel?
Betrachten wir das Innere einer typisch deutschen Höhle. Im Eingangsflur springt uns sofort eine Fußmatte mit der Aufschrift "Salve"(lat. Grüße) in guter Goethe Manier entgegen, denn der gute Deutsche ist gebildet. Im Keller vor uns, ein geheimes Reich, die Miele Turbo 3050 X + (Waschmaschine der Mutter) erstrahlt in glänzendem weiß, daneben eine Töpferscheibe vom letzten Jahr, die nun nach einmaliger Verwendung hier ihr Dasein fristet. Auch ein Blick in die Tiefkühltruhe verheißt nichts Gutes: Bausatzessen, Rahmspinat der selbst mit Blubb unappetitlich aussieht, Pizza, um nicht zu sagen viel Pizza, ganz weit unten eingefrorenes irgendwas, was scheinbar mal Nahrung war, von der Großmutter in Liebe. Der Dreiradtraktor des Sohnes hat sich in den Jahren mit der alten Gitarre der Tochter angefreundet, und nun liegen beide gemeinsam unter einer Staubdecke. Neben der Tür stehen zwei Bierkästen, der eine halb leer, wohl Vaters guter Tropfen. Verlassen wir dieses Stillleben.
Auf der Treppe kommen uns obskure Statuen entgegen. Das Wort Kunst wäre etwas vermessen, aber mit ein bisschen Fantasie könnten es Katzen sein, oder Eichhörnchen. Halten wir einen Augenblick inne. Lauschen wir in die Tiefe des Hauses.
Nichts.
In der Küche vor uns, erwartet uns - entgegen aller Erwartungen - kein Chaos. Nein, die Küche blitzt und blinkt, man könnte fast vom Boden essen. Hier hat das Weibchen der Spezies "Deutsch" wohl vor kurzem gewütet. Es riecht nach Essigreiniger und Kaffee. Die Kaffeemaschine ist noch warm und der Milchaufschäumer liegt noch griffbereit. Der Wasserhahn gluckst zufrieden. Das Edelstahl Kochgeschirr, Pfannenwender, Grillzangen, Messer und Schneebesen, wurden zwar noch nie benutzt, hängen aber glücklich an den dafür vorgesehenen Haltern an der Wand. Der Neonflutscheinwerfer - ein Hauch von Glasmantel an einem Stahlkabel, der eher zum daran aufhängen einlädt - hängt von der Decke und tüncht das Panorama in grelles Licht. Ein verheißungsvoller Blick aus dem Fenster. Der Nachbar, seines Zeichens Senior mit sportlichen Ambitionen, fegt genüsslich die benachbarte Garageneinfahrt und streut voller Hingabe Salz. Zufrieden seufzen wir und gehen ins Wohnzimmer.
Riesig, aber leer. Der Breitbildfernseher - im modernen silbermetallic - bildet einen Generationenkontrast zum alten Bücherschrank daneben. Hier ruht die Seele des Deutschen. Fußball und "Agatha Christie", "Wetten dass?" und "die Räuber", "Wer wird Millionär?" und "Die drei Groschenoper", "Tagessschau" und "Der Zweite Weltkrieg in Bildern", "Sex and the City" und "Der Brockhau". Auf dem kleinen Glasbeistelltischchen vor dem Sofa, liegen in friedlicher Harmonie beisammen, "Der Spiegel", "Die BILDzeitung" und der neue "Harry Potter" Band. An der Wand hängt ein Bild. Ein roter Strich verläuft sich in schwarz vor gelben Hintergrund. Ja, so etwas ist Kunst und ein Versuch von Patriotismus, aber nicht zuviel, denn die Vergangenheit lastet, nach wie vor, noch schwer. Die Stereoanlage spielt leise immer und immer wieder das alte Lied: "Komm mit mir ins Abenteuerland...", doch da sind wir schon. Der kleine Garten vor dem Wohnzimmerfenster und der Terrasse liegt in blankem Weiß. Beinahe eine Konkurrenz zum Gartenzaun. Der kleine Apfelbaum, natürlich eigenhändig gepflanzt, steht still da und schaut nach drinnen.
Wir steigen die letzte Treppe hinauf und bemerken, hier lebt etwas. Musik dringt aus allen Ecken. Hier lebt der Deutsche! Hinter geschlossenen Türen duellieren sich die Technobeats des Sohnes, freudig mit den Gitarrenriffs der Tochter. Der Sohn lädt unerlaubterweise Pornofilme herunter, die Tochter schreibt Kurznachrichten mit ihrer besten Freundin. Die Mutter ruft irgendetwas aus dem Arbeitszimmer. Es scheint, als ob das Internet nicht funktioniere. Eigentlich funktioniert das Internet ja nie, wenn die Mutter Unterwäsche bei Ebay ersteigern will. Der Vater liegt auf dem Bett im Schlafzimmer und liest einen Krimi. Der Alkohol der Silvesternacht und das gemeinsame Gruppenschunkeln sind immer noch nicht ganz verdaut. Die Misslage der Nation wurde eifrig am Stammtisch, bei Bier und Zigaretten (doch das, darf die Frau nicht wissen), diskutiert. Denn die Steuern sind ja eh viel zu hoch und überhaupt geht's uns allen schlechter seit der letzten Wahl. Aber einmal im Jahr, muss man ja glücklich sein und feiern, da hilft alles nichts. Und so bewegt man sich krampfhaft zur Musik, klatscht eifrig im 4/4 Takt mit und ruft: "Hossa, Hossa!"

Wir halten einen Moment inne und rekapitulieren. Während der Deutsche hier seinen Tag verbringt, den ersten im neuen Jahr, fliegt draußen die Welt vorbei. Englische Apple Designer werden zum Ritter geschlagen, der Papst erfreut sich an seinem neuen Ipod, Putin schmiedet Pläne - nicht um Gas - sondern um Kohle geht's. Kanzlerin Merkel poliert ihren neuen Schreibtisch im Kanzleramt, im Jemen werden glückliche Touristen von unglücklichen Geiselnehmern entführt, im Ruhrgebiet knicken weiter die Strommasten ab, die Rolling Stones touren zum 100. Mal durch die Welt, in Bagdad werden Steine auf Panzer geworfen, Lagerfeld revolutioniert mal wieder die Mode, Bush lässt seine Bevölkerung belauschen, Marcel Reich-Ranicki kritisiert weiter ohne Gnade und so dreht sich die Welt, weiter, immer fort, doch den Deutschen interessiert das heute nicht. Er ist glücklich, denn in diesem Jahr, wird alles besser!

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Der Text ist nicht von mir, sondern einem Kollegen. Das Original ist http://www.rushed.de/index.php?module=special&;action=article_detail&articleID=4602|hier zu finden.
ganz nett geschrieben und nette Ironie
Hmm wer war da bei mir zu hause????
so ähnlich ist es bei mir zu hause auch (z.B. Internet geht nicht, Vater liest Krimi auf dem Bett...)
Hmm. Naja. Also wenn der Deutsche wirklich so zu sein hat, dann bleibt mir nichts anderes übrig, als laut einzugestehen:

Ich bin nicht Deutschland
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Aber ich glaube kaum, daß man das Volk so verallgemeinern kann. Sonst säße die gesamte DDR immer noch froh und Knusperflocken kauend vor ihrem 2-programmigen Schwarz-Weiß-Fernseher, den Trabbi vor der Tür und den lauernden Stasi-Zuträger hinter den Gardinen von Nachbars Neubau-Plattenwohnung. Die Deutschen hätten keine herausragenden Künstler, Wissenschaftler und ein schlechteres Essen als die Briten. Wer kümmerte sich um den leckeren Wein, das gute Bier und all die anderen Sachen, die das Leben genießbar machen?

Der Text ist viel zu langatmig, wirkt seinerseits zusammengesetzt (Stilwechsel) und viel zu breitgewalzt. Nicht die Menge der Wörter machts.

Dafür immer noch aktuell und literarisch sicher wertvoller: EmilPelle
(Den haben wir sogar mal in der Schule gelernt)
Der Text könnte man als Essay für deutsch abgeben - hat mir gefallen ^^ Wenn auch ein bisschen langatmig - da hat der pepp gefehlt.
tja.. eindeutig meine familie *g*
Der oben stehende Text zeugt mal wieder davon wie gut es deutsche haben und sich trozdem beklagen,dass es ihnen ja soooo schlecht geht.
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